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19.10.2021

NØK 2021, Tag 1

NØK Panel 1: Mehr Freiflächen für (Sub-)Kultur

Freunde treffen, ausgehen, die Nacht zum Tag machen – dieser Form der Freizeitgestaltung hat die Pandemie monatelang einen Riegel vorgeschoben. Festivals und Konzerte wurden abgesagt, Clubs schlossen ihre Pforten. Die Mannheimer*innen haben sich rasch der veränderten Situation angepasst. Der öffentliche Raum wurde zum Feiern genutzt – auf öffentlichen Plätzen, in Parks und auf Freiflächen. Damit diese Entwicklung nicht zu Konflikten mit Anwohner*innen führt, müsste die Stadtverwaltung durch Umwandlung von Freiflächen in Versammlungsorte entsprechende Bedingungen schaffen – doch ist das realistisch? Im ersten Panel der zweiten „International Night Culture Conference“ (NØK), drehte sich alles um die Frage, wie es gelingen kann, Freiflächen für (Sub-)Kultur zu schaffen und welche Bedingungen dafür erfüllt sein müssen. Es diskutierten Jugendforscher Simon Schnetzer, Stephanie Haury vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, die freie Kulturmanagerin Julia von Wild aus Bremen und Kriminalrat Christoph Weselek, Sprecher der Polizei Mannheim, unter der Moderation von Mannheims Night Mayor Robert Gaa.

Zum Einstieg umriss Moderator Robert Gaa die wichtigsten Fakten zum Thema Freiflächen-Nutzung. Im Mittelpunkt stand die Öffnung der Mannheimer Neckarwiese unterhalb der Inselstraße, die sich im Sommer 2021 als Erfolgsmodell erwiesen hat, das nun verstetigt werden soll. Während der Diskussion wurde deutlich, dass eine große Dringlichkeit in der Implementierung von mehr Freiflächen gesehen wird. Für Simon Schnetzer geht es darum, dass ohne Freiflächen sozialer Raum für Jugendliche fehle. Dieser dürfe nicht durch digitalen Raum ersetzt werden. Julia von Wild berichtete über die Lage in Bremen. Dort gibt es ein Freiflächengesetz, das es jungen Leuten ermöglicht, eigenverantwortlich als Eventveranstalter aufzutreten, sofern Veranstaltungen regelkonform angemeldet werden. Aus Sicht der Kulturmanagerin ein ideales Mittel um der Politikverdrossenheit unter Jugendlichen entgegenzuwirken, Gestaltungsmöglichkeiten zu bieten und Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Auch Christopher Weselek von der Polizei Mannheim sieht ein, dass die jüngere Generation etwas nachzuholen hat. Für ihn ist es Ausdruck von Wertschätzung gegenüber der Jugend, wenn neue Räume geöffnet werden. Auch Stephanie Haury plädierte dafür, dass der sozialen Nutzung von Flächen ein hoher stadtplanerischer Wert beigemessen werden sollte.

Wenn es um Bedingungen geht, die eine Freifläche als Raum für (Sub-)Kultur erfüllen muss, dann wurde vor allem auf deren Lage verwiesen. Für die Funktionalität als Treffpunkt entscheidend sei eine einfache Erreichbarkeit und idealerweise das Vorhandensein eines Supermarkts. Nur wenn die Infrastruktur stimmt, erhalte die Location langfristig positive Resonanz. Zu zentral sollte sie allerdings auch nicht sein, da sonst Zwist mit Anwohnern vorprogrammiert sei. Damit Freiflächen angenommen werden, könne es hilfreich sein, wenn Kollektive ihre Flächen selbst wählen und die Auflagen seitens der Ämter minimal gehalten werden. Durch Nutzung von Freiflächen in unterschiedlichen kulturellen Kontexten könnten alle Bürger*innen einen neuen sozialen Raum gewinnen. Wenn die Verantwortlichen auch ein eigenes Sicherheitskonzept entwickelten und die Müllentsorgung regelten, stehe einer kulturellen Nutzung des öffentlichen Raums auch aus Sicht der Polizei nichts entgegen.

NØK Panel 2: “Creative Placemaking after Dark”

Licht im urbanen nächtlichen Raum ist ein aktuelles Thema, das in immer mehr Städten Beachtung findet. Wie man Licht als kreatives, kuratorisches Element für die Nacht nutzen kann – darum ging es beim zweiten NØK Panel “Creative Placemaking after Dark.“ Impulsgeber*in war Amy Lamé, die Nachtbürgermeisterin der Stadt London. In ihrer Keynote beschrieb sie eindrucksvoll, welche Maßnahmen die Stadt London zur Unterstützung der Nachtökonomie ergriffen hatte und welche Rolle dabei dem öffentlichen Raum zukam. Sie plädierte darüber hinaus dafür, die Nachtökonomie ganzheitlich und als ein Ökosystem zu betrachten und auch entsprechend zu fördern. Den zweiten Impulsvortrag lieferte Leni Schwendinger aus New York City, eine ausgewiesene und mehrfach prämierte Expertin zum Thema Licht und Nighttime Design. In ihrer spannenden Keynote ging sie auf zahlreiche internationale Best-Practice Beispiele ein und betonte, dass nachhaltige Stadtentwicklung notwendigerweise immer ein partizipativer und interdisziplinärer Prozess sein müsse. Als Gäste zugeschaltet waren zudem der Soziologe Don Slater, der an der London School of Economics das Wechselverhältnis von der Beleuchtung städtischer Räume und sozialen Praktiken untersucht, die emeritierte Kriminologin Elisabeth Enhus von der Vrije Universität Brüssel – und der Physiker und Lichtforscher Andreas Jechow.

In dieser hochkarätigen Expert*innenrunde entwickelte sich eine spannende Diskussion, die für eine wichtige Erkenntnis sorgte, die Gastgeber und Moderator Dr. Matthias Rauch von NEXT MANNHEIM so beschreibt: „Bei diesem Panel wurde klar, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen Licht und Kriminalität gibt. Es ist ja eine weit verbreitete Annahme, dass im Dunkeln mehr Straftaten stattfinden, aber faktisch stimmt das nicht.“ Aus diesem Grund, so ein weiteres Ergebnis des Panels, wäre es falsch, mit extrem hellem Licht städtische Problemzonen zu beleuchten, um ein subjektives Sicherheitsempfinden zu erhöhen. Dass ein smartes, urbanes „Nighttime Design“ mit Licht grundsätzlich partizipativ angelegt sein muss, betonte Leni Schwendinger. Ihrer Erfahrung nach gibt es im Bereich Licht keine pauschalen Lösungen. Um qualitativ zu arbeiten, müsse man die Menschen vor Ort befragen, um zu verstehen, was der jeweilige Bedarf ist, denn jedes Stadtquartier sei anders. Das Ziel müsse es sein, dass Menschen sich in einer bestimmten Lichtumgebung wohlfühlen und sich mit dieser identifizieren.

„Diese spannenden Impulse nehmen wir auf“, erklärte Moderator Dr. Matthias Rauch und machte deutlich, dass es eine echte nachhaltige Innovation wäre, in Mannheim den Ansatz eines individuellen Lichtdesigns für Quartiere zu verfolgen: „Straßenzüge oder Quartiere mit einem Lichtdesign auszustatten, das sich die Bewohner*innen wünschen – das ist eine identitätsbildende Komponente. Genauso, wie der Jungbusch anders klingt als die Oststadt, kann dann Licht für ein kreatives visuelles Profil sorgen.“ Kaltes, hartes Licht – oder „Prison Lighting“, wie Don Slater es nennt – führe dagegen zu Ausgrenzung. Deshalb, so der Konsens bei der abschließenden Diskussion, sei ein partizipativ konzipiertes Lichtdesign für die urbanen Räume der Zukunft notwendig. Auch eine Zukunftsperspektive wurde entwickelt, die zur konkreten Umsetzung genutzt werden könnte: „Ich halte es für eine gute Idee, mit den Macher*innen der Mannheimer ‘Lichtmeile‘ zu sprechen, ob die Veranstaltung eventuell auch als Innovationsformat ausgebaut werden könnte – zum Beispiel, um in Mannheim Lichtkonzepte in der Praxis auszuprobieren, die in diesem Panel vorgestellt worden sind,“ sagt Dr. Matthias Rauch.  

NØK Panel 3: Clubs als Kulturstätten – Nachbericht

Im Mai 2021 hat der Bundestag in einem Entschließungsantrag die Regierung aufgefordert, Musikclubs baurechtlich nicht mehr als Vergnügungsstätten, sondern als Kulturstätten zu klassifizieren. Doch welche Chancen und Möglichkeiten ergeben sich für Clubbetreiber*innen, wenn ihre Betriebe gemäß Baunutzungsverordnung mit Museen und Theatern auf eine Stufe gestellt werden?

Die juristische Novellierung wird allgemein als große Anerkennung der Clubszene bewertet und weckt die Hoffnung, dass sich in Zukunft wieder vermehrt Musikclubs im innerstädtischen Raum ansiedeln werden. Wie es gelingen kann, die Clubkultur darüber hinaus zu stärken, darüber diskutierte Moderatorin Anna Blaich, NEXT Mannheim, mit Thore Debor, Clubkombinat Hamburg e.V., Theresa Kern, contain’t e.V./ Club Kollektiv Stuttgart e.V., und Mannheims Bürgermeister für Bauen, Planung, Verkehr und Sport, Ralf Eisenhauer.

Spätestens seit Beginn der Corona-Pandemie ist es offensichtlich, dass vor allem der soziale Aspekt beim Ausgehen eine große Rolle spielt. Auch die Speaker*innen waren sich einig, dass die soziale Komponente beim Clubbesuch im Vordergrund steht. Thore Debor und Ralf Eisenhauer betonten beide, dass es ansonsten kaum noch Orte gibt, an denen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammenkommen.

Bisher wurde die Änderung der Baunutzungsverordnung noch nicht vollzogen, doch die Kulturschaffenden sehen in der Novellierung enormes Potenzial für ihre Branche. Gerade für die Clubszene in Städten mit einer besonderen Topographie, wie etwa Stuttgart, wäre es ein enormer Zugewinn, wenn Clubs wieder im innerstädtischen Bereich ansiedeln könnten. Die zentrale Lage einer Musikspielstätte ist für Theresa Kern ein entscheidender Faktor für deren Erfolg. Damit sich der Umgang mit Musikclubs seitens der Stadtentwickler*innen verändert, ist es unerlässlich, dass sich die Clubszene einer Stadt organisiert – ein Night Mayor wie in Mannheim kann hier als Ansprechpartner für die ortsansässigen Musikclubs fungieren.

Auch wenn eine Kommune die Clubszene fördert, bleibt die Frage nach dem Schallschutz bei der Standortwahl eines Clubs bestehen. Eine Möglichkeit, die Akzeptanz für eine Musikspielstätte bei Anwohner*innen zu steigern, ist es, den Club im Sinne der Freizeitlärmrichtlinien nur zeitweise zu bespielen oder ihn für unterschiedliche kulturelle Angebote zu nutzen, legte Thore Debor dar. Außerdem können Bauvorhaben so angepasst werden, dass Anwohner*innen vom Schall nicht beeinflusst werden, etwa durch angepasste Ausrichtung von sensiblen Wohnbereichen, wie Schlafzimmern.

Insgesamt steht die Clubszene vor großen Herausforderungen, wenn sie bei der Stadtentwicklung zukünftig genauso selbstverständlich berücksichtigt werden möchte wie der Sektor Sport, der kommunalpolitisch in der Regel automatisch eingeplant wird. Die Änderung der Baunutzungsverordnung ist für Clubs endlich das geeignete Mittel, um den Weg zu diesem Ziel zu ebnen.

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